Liebe Mitarbeiter*innen an der Sommerakademie 2026
Das Thema, was uns zusammen führt ist brandaktuell. Denn wir leben in einer Zeit, in der uns technische Möglichkeiten der Selbstoptimierung zur Verfügung gestellt werden, die suggerieren, dass dem Transhumanismus die Zukunft gehört – er soll den nächsten Entwicklungsschritt der humanen Evolution markieren. Milliarden werden investiert, um den Menschen elektronisch nachzubauen und technisch weiterzuentwickeln. 1921 hat der tschechische Schriftsteller Karel Capek in einem Theaterstück universale Roboter auf die Bühne gebracht und damit den Begriff Roboter geprägt von Russisch Rabota = Arbeit. Nachdem die technische Entwicklung zunächst das frei werden von der schweren körperlichen Arbeit ermöglicht hat, dann durch die Messtechnik das menschliche Fühlen und Abwägen weitgehend ersetzen konnte, ist jetzt ganz selbstverständlich der dritte Schritt gefragt, die Dienstleistung durch Künstliche Intelligenz, KI, für alle kognitiven Funktionen und Steuerungsprozesse.
Dabei ist die Medizin ein prominentes Anwendungsgebiet, indem man wo immer möglich dysfunktionale Organe technisch ersetzt oder optimiert. Solange es sich um technische Dienste handelt, die der Mensch beherrscht, ist das fraglos ein begrüssenswerter Fortschritt. Sobald es aber autonome selbstgesteuerte und untereinander vernetzte Aktionssysteme werden, die niemand mehr richtig überschaut und beherrscht, entstehen schwer lösbare komplexe Probleme – ganz abgesehen vom Einsatz der KI -gesteuerten Drohnen und Waffen, die in Zukunft Kriege entscheiden können.
Was sagt uns diese Entwicklung? Warum fragen wir angesichts dieser Fortschritte zunehmend auch nach «Spiritualität in der Medizin»?
Weil immer mehr Menschen wach dafür werden, dass wir heute vor einer radikalen Frage der Selbsterkenntnis stehen: Bin ich in Wahrheit eine unvollkommene Biomaschine, die jetzt mit technischen Mitteln endlich ihrer Vollendung entgegen geht und mich von Armut Krankheit und Tod befreit? Oder bin ich ein unvollkommenes, dafür aber zu autonomer Selbstentwicklung und Selbststeuerung befähigtes «geistiges Wesen», das selber über die Art seiner Identität und Weiterentwicklung entscheidet?
Führende Transhumanisten wie zB Ray Kurzweil erleben den Transhumanismus klar als die Religion der Zukunft: der Mensch, der sich für den umfassend intelligenten humanoiden Roboter seiner selbst entscheidet, der jenseits von Krankheit und anderen biologischen Sorgen, ein «ewiges» bewusstes leben auf der Erde führen kann – angeschlossen mit seiner eigenen auf den Roboter übertragenen Gehirnfunktion an die KI der Welt, an das Internet mit allen seinen Diensten. Eine realistische Zukunftsperspektive deren Beginn spätestens für das Jahr 2045 prognostiziert wird, das Jahr der technologischen Singularität, wo das neue Zeitalter beginnt, dessen Verlauf unvorhersehbar «einzigartig» sein wird. Die Technologien, die wir heute in Form von Wearables an unseren Körpern tragen, werden wir künftig in uns tragen; an die Stelle des Menschen sollen Cyborgs (cybernetic organisms) treten.
Die Europäische Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie/ELIANT, für die ich hier dieses Grusswort scheiben darf, setzt sich – in Resonanz und wo immer möglich auch konkreter Zusammenarbeit - mit andere spirituell orientierte Organisationen und Religionsgemeinschaften für einen nächsten kulturellen Entwicklungsschritt der Menschheit ein, in dem es darauf ankommt, die Einseitigkeiten der derzeit herrschenden materialistisch-mechanistischen Weltanschauung zu überwinden und die Kenntnisse aus Naturwissenschaft und Technik durch spirituelle Entwicklungsperspektiven zu ergänzen. Menschlichkeit ist nicht lehrbar – sie kann sich nur durch individuelle Einsicht und Lebenserfahrung in jedem Einzelnen entwickeln und im sozialen Umgang mit anderen Menschen bewähren. Auch dafür ist die Medizin ein Arbeitsfeld, wo viel bewusst werden kann in Stunden von Schmerz und Not und wo Therapeut*innen und Ärzt*innen kompetente Gesprächspartner sein können und den grossen Fragen nach dem Sinn des Lebens und Schicksals auf der Erde nicht ausweichen.

Dr. med. Michaela Glöckler